Einführung

Walter BenjaminWalter Benjamin (1892-1940) war ein deutscher Philosoph der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er ist jüdischer Abstammung und musste aufgrund der Machtergreifung der Nationalsozialisten nach Frankreich ins Exil gehen. 1940 war er gezwungen, zu Fuß über die Pyrenäen nach Spanien zu flüchten, ihm wurde jedoch an der französisch-spanischen Grenze von den spanischen Grenzbeamten die Einreise verweigert, woraufhin er noch in der gleichen Nacht Selbstmord beging. Sein Tod ist ein empfindlicher Verlust für die kulturelle Entwicklung der Menschheit. Auf seiner Flucht über die Pyrenäen hatte er nichts bei sich als eine Aktentasche mit einem Manuskript. Leider ging dieses Manuskript verloren. Sein jahrelanges Exil und seiner Flucht vor den Nazis brachte ihn fortwährend in finanzielle und existenzielle Not. Selbst die Dokumentation seiner Werke, die in der damaligen Zeit nur durch aufwändiges Abschreiben überhaupt in einer zwei- oder dreifachen Ausfertigung gesichert werden konnten und leider nur selten gedruckt erschienen, war eine logistische Meisterleistung. Erst in den fünfziger Jahren wurde ein Teil seiner Manuskripte in der Pariser Nationalbibliothek entdeckt.

Walter Benjamin hinterlässt einen großes philosophisches Werk, indem er versuchte, rationale Wissenschaft, linke Politik und Mystik zu verbinden. Seine jüdischen Wurzeln führten ihn früh zur Kabbala. Er war eng befreundet mit Gershom Scholem, Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und vielen anderen heute bekannten Philosophen und Schriftsteller.

In der damaligen Zeit war seine philosophische Position außergewöhnlich, versuchte er doch, scheinbar widersprechende Polaritäten in den menschlichen Sinnbezügen zu verbinden. Lange nach seinem Tod, in der Aufbruchphase der Sechzigerjahre, wurde er berühmt und seine Bücher erschienen in großen Auflagen. Sein Einfluss auf die moderne Philosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist enorm und wird bisweilen unterschätzt, da er selbst als Person außerhalb akademischer Kreise wenig bekannt ist. Da seine Philosophie immer »zwischen den Stühlen« positioniert war, konnten vielfach weder die politischen Lager noch die mystisch-spirituellen Richtungen etwas mit ihm anfangen.

Walter BenjaminAuch heute noch geht es darum, aus eindimensionalen, dogmatischen Glaubenssystemen herauszutreten. Auch heute noch ist dies an vielen Stellen nicht der Fall. Der Mensch scheint dazu zu tendieren, sich in monokausalen, linearen Schwarz-Weiß-Konzepten einzurichten. Walter Benjamin widersetzte sich diesen Verführungen. Er ist ein genuin dialektischer Denker im besten Sinne des Wortes. Seine Dialektik findet außerhalb des Textes statt, nicht wie bei manchen anderen Autoren als eine verbale Jonglage.

IMG_4424-webBenjamin war ein profunder Kenner der Literatur und der Philosophie. Seine Texte sind tief, hermetisch und bisweilen mystisch. Gleichwohl bewegt er sich stets innerhalb der Gesetze wissenschaftlicher Theoriebildung, was hier nicht als zwanghafte Einschränkung denkerischer Freiheit, sondern als solide handwerkliche Basis sauberen Denkens zu verstehen ist. Benjamin konnte fühlen und denken. Er war ein feinsinniger, überaus sensibler Mensch, der viel mit Depressionen und Einsamkeit zu kämpfen hatte, aber auch höchst intensive und intime Beziehungen zu einzelnen gleich gesinnten Menschen hatte, wie die Freundschaften zu Gershom Scholem, Ernst Bloch, Bertolt Brecht und anderen belegen.
Im Bereich „Fundsachen“ ist eine kleine Auswahl an Fragmenten aus seinem Werk präsentiert, um einen ersten Eindruck seines Denkens zu vermitteln. Es sei bemerkt, dass dies tatsächlich Fragmente sind und nicht zu seinen abgeschlossenen vollständigen Texten gehören. Sie sind demzufolge noch etwas hermetischer als die fertigen, veröffentlichten Aufsätze. Sie sind indes aber auch umso tiefere Quellen, gleich Rohdiamanten, die Menschen, die ernsthaft nach der Wahrheit suchen, eine reiche Quelle der Inspiration bieten.

 

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