Fundsachen

Walter Benjamin in Zitaten

Zum Einstieg eine Wertschätzung Walter Benjamins von seiner geschiedenen Frau Dora
(Brief an Gershom Sholem vom 15. Juli 1941 (Benjamins erster Geburtstag nach seinem Tod):

„Dear Gerhard, Walter’s death has left a vacuum which is slowly but surely sucking in all my hopes and wishes for the future. I know that I shall not survive him long. You will be surprised at this, because I no longer formed part of his life, but he formed part of mine. And this not so much through his regular visits and the help – little enough – I was able to give him, but more than anything through the simple fact of his being alive. I thought and felt, that if the world was able to keep alive a creature of his worth and sensitiveness, it could not, after all, be such a bad world. It seems that I was wrong.“

Quelle: Klaus Garber / Ludwig Rehm (Hg.): gobal benjamin, Band 3, Anhang, S. 1845, Wilhelm Fink Verlag


Zitate von Walter Benjamin

„Dialektik des Glücks: ein zweifacher Wille: das Unerhörte, nie Dagewesene, der Gipfel der Seligkeit. Und: Ewiges Noch-Einmal der gleichen Situation, ewige Restauration des ursprünglichen, ersten Glücks.“
Gesammelte Schriften, Band VI, fr 171, S. 202

 

Gedenktafel in der Prinzregentenstraße 66 in Berlin.

Gedenktafel in der Prinzregentenstraße 66 in Berlin.

„Die messianische Welt ist die Welt allseitiger und integraler Aktualität. Erst in ihr gibt es eine Universalgeschichte. Aber nicht als geschriebene, sondern als die festlich begangene. Dieses Fest ist gereinigt von aller Feier. Es kennt keinerlei Festgesänge. Seine Sprache ist integrale Prosa, die die Fesseln der Schrift gesprengt hat und von allen Menschen verstanden wird (wie die Sprache der Vögel von Sonntagskindern). – Die Idee der Prosa fällt mit der messianischen Idee der Universalgeschichte zusammen.“
(Werke, Band I, 3, S. 1238, Materialien zu „Thesen zum Begriff der Geschichte“)

„Mein Denken verhält sich zur Theologie wie das Löschblatt zur Tinte. Es ist ganz von ihr voll gesogen. Ginge es aber nach dem Löschblatt, so würde nichts, was geschrieben ist, übrig bleiben.“
(Werke, Band V, Passagen-Werk, Notizen zur Erkenntnistheorie, N 7a, 7)

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Walter Benjamin um 1934, © Bild: Gisele Freund

Der zusammengestoppelte Befund des Tatsächlichen

„Es ist die dialektische Konstruktion, die das in der geschichtlichen Erfahrung ursprünglich uns Betreffende gegen die zusammengestoppelten Befunde des Tatsächlichen abhebt. ‚Im nackten offenkundigen Bestand des Faktischen gibt das Ursprüngliche sich niemals zu erkennen, und einzig einer Doppeleinsicht steht seine Rhythmik offen. Sie … betrifft dessen Vor- und Nachgeschichte.'“
aus: Eduard Fuchs, der Sammler und der Historiker, GS II, S. 468
Das Zitat im Zitat stammt aus „Ursprung des deutschen Trauerspiels“

Im Text des Trauerspiel-Buches geht es folgendermaßen weiter:

„Also hebt sich der Ursprung aus dem tatsächlichen Befunde nicht heraus, sondern er betrifft dessen Vor- und Nachgeschichte. Die Richtlinien der philosophischen Betrachtung sind in der Dialektik, die dem Ursprung beiwohnt, aufgezeichnet. Aus ihr erweist in allem Wesenhaften Einmaligkeit und Wiederholung durcheinander sich bedingt.“
Ursprung des deutschen Trauerspiels, GS I, S. 226

Und im gleichen Absatz der Satz vor dem Zitat im Zitat:

„Im Ursprung wird kein Werden des Entsprungenen, vielmehr dem Werden und Vergehen Entspringendes gemeint. Der Ursprung steht im Fluss des Werdens als Strudel und reißt in seine Rhythmik das Entstehungsmaterial hinein.“

 

Zum Sehertum

Phantasie ist diejenige Wahrnehmungsintention, welche nicht auf der Erkenntnisintention aufgebaut ist. (Traum, Kindheit) Reine Gegenstände dieser Intention (noch?) nicht gegeben. [Aber es gibt noch andere Wahrnehmungsintentionen die so bezeichnet werden können: Sehertum, Hellsicht]
Gesammelte Schriften, Band VI, fr 28, S. 49

„Der genaue Gegensatz zur Fantasie ist das Sehertum. Auch reines Sehertum kann nicht ein Werk begründen und doch geht Sehertum in jedes große Kunstwerk ein. Sehertum ist der Blick für werdende Gestaltung, Phantasie der Sinn für werdende Entstaltung. Sehertum ist Genie der Ahnung, Phantasie Genie des Vergessens. Die Wahrnehmungsintention der beiden nicht auf der Erkenntnisintention aufgebaut (so wenig wie etwa Hellsicht) in beiden aber auf verschiedene Weisen.
Gesammelte Schriften, Band VI, fr 82, S. 117

 

Eine Interview mit Michael Jennings

Michael Jennings, Professor an der Princeton University (USA), Übersetzer der Werke Benjamins ins Englische und zusammen mit Howard Eiland Verfasser der umfangreichen Biografie »Walter Benjamin« (Cambridge 2014) spricht hier mit dem Filmemacher Alexander Kluge.

Michael Jennings

Michael Jennings

Hier geht es zur Film-Seite. Dauer: 0:45 Std. Veröffentlicht am 10.11.2016

 

Varia

„Die Relation zwischen Weltgeschichte und Gottesgeschichte ist methodisch zu erforschen und darzulegen durch die Erforschung der Reihe der historischen Zahlen.“
Gesammelte Schriften, Band VI, fr 65, S. 92

„Moral ist nichts anderes als die Brechung der Handlung in der Erkennbarkeit; etwas aus dem Bezirk der Erkenntnis. Nicht ist Moral: Gesinnung.“
Gesammelte Schriften, Band VI, fr 65, S. 93

„Der Mensch ist weder Phänomen noch Wirkung sondern Geschöpf.“
Gesammelte Schriften, Band VI, fr 66, S. 93

„Das Soziale ist in seinem jetzigen Stande Manifestation gespenstischer und dämonischer Mächte, allerdings oft in ihrer höchsten Spannung zu Gott, ihrem aus sich selbst Herausstreben. Göttliches manifestiert sich in ihnen nur in der revolutionären Gewalt. Nur in der Gemeinschaft, nirgends in den sozialen Einrichtungen manifestiert sich Göttliches gewaltlos oder gewaltig. (In dieser Welt ist höher: göttliche Gewalt als göttliche Gewaltlosigkeit. In der kommenden göttliche Gewaltlosigkeit höher als göttliche Gewalt.) Dergleichen Manifestation ist nicht in der Sphäre des Sozialen, sondern der offenbarenden Wahrnehmung und zuletzt und vor allem der Sprache, zuallererst der heiligen zu suchen.“
Gesammelte Schriften, Band VI, fr 73, S. 99

 


 

Arten des Wissens

I  Das Wissen der Wahrheit

Dieses gibt es nicht. Denn die Wahrheit ist der Tod der intentio

II  Das erlösende Wissen

Dieses gibt es als das Wissen, mit dem die Erlösung bewusst und daher vollendet wird
Dieses gibt es aber nicht als das Wissen, welches die Erlösung herbeiführt

III  Das lehrbare Wissen

Seine bedeutendste Erscheinungsform ist die Banalität

IV  Das bestimmende Wissen

Dieses das Handeln bestimmende Wissen gibt es. Es ist jedoch nicht als Motiv, sondern kraft seiner sprachlichen Struktur bestimmend. Das sprachliche Moment in der Moralität hängt mit dem Wissen zusammen. Fest steht, dass dieses das Handeln bestimmende Wissen zum Schweigen führt. Es ist daher als solches nicht lehrbar. Mit dem Begriff des Tao dürfte dieses bestimmende Wissen sehr verwandt sein. Dagegen ist es dem Wissen der sokratischen Tugendlehre strikt entgegengesetzt. Denn dieses ist für das Handeln motivierend, nicht den Handelnden bestimmend.

V  Das Wissen aus Einsicht oder Erkenntnis

Dieses ist ein höchst Rätselhaftes. Es ist etwas, das im Bezirke des Wissens der Gegenwart im Bezirke der Zeit gleich sieht. Es existiert nur in einem unfassbaren Übergang. Wozwischen? Zwischen der Ahnung und zwischen dem Wissen der Wahrheit.

Gesammelte Schriften, Band VI, fr 27, S. 48-49

Walter Benjamin

Walter Benjamin um 1934, © Bild: Gisele Freund

 

Walter Benjamin – Über den Begriff der Geschichte

I.

Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzuge erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasserpfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man ´historischen Materialismus´ nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.

Der Schachautomat wurde von Wolfgang von Kempelen gebaut und man findet ihn auf Wikipedia. Tatsächlich saß darin ein Mensch und bediente das Schachbrett.

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Filme

Who killed Walter Benjamin?

Film

Filmausschnitt »Wer tötete Walter Benjamin«

Der Film beschreibt die These, dass Benjamin von Franco-Anhängern bzw. indirekt von der Gestapo umgebracht wurde. Es gibt viele Unstimmigkeiten in den Akten und in den Protokollen. Auch gibt es nur eine Augenzeugin, Frau Gurland, die in der Gruppe der Flüchtlinge war, auf deren brieflichen Bericht vom Geschehen einige Tage später die These vom Selbstmord fußt. Andere Indizien sprechen dagegen wie z.B. die Beerdigung auf dem katholischen Friedhof, die in der damaligen Zeit einem Selbstmörder nicht gestattet worden wäre. Der Leichnam wurde innerhalb weniger Stunden beerdigt und der Arzt, der ihn untersucht haben soll, war in der Zeit nicht in der Stadt. Usw.

Ein minutiös und aufwendig recherchierter Film, in dem auch viele Benjamin-Experten wie Stéphane Hessel, Gary Smith, Rolf Tiedemann, Stéphane Mòses, Bernd Witte u.a. interviewt werden.

Augenzeugenbericht von Stéphane Hessel, der Walter Benjamin als kleiner Junge im Hause seiner Eltern kennenlernte.

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2 Gedanken zu „Fundsachen

  1. Patricia Vigderman

    I would like permission to use the image by Gisele Freund „Walter Benjamin um 1934“ in a book to be published next year by the Ohio State University Press called
    „The Real Life of the Parthenon.“ Can you tell me how to get that permission and perhaps a higher resolution image? Thank you very much for your help, Patricia Vigderman

    Antworten

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